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Rede im Landtag zum Thema Gedenkstättenförderung

Als kulturpolitischer Sprecher der Fraktion bin auch zuständig für die Gedenkstätten im Land. 

Hier meine Rede im Landtag zum Thema Gedenkstättenförderung vom 9. November 2011: 

"Herr Präsident, meine Damen und Herren,

9. November. Ein Datum, das wie fast kein anderes als Schicksalsdatum der Deutschen in die Geschichtsbücher eingegangen ist: Novemberrevolution 1918, Hitlerputsch 1923, Fall der Berliner Mauer 1989 – aber auch der 9. November 1938: Reichspogromnacht. Die Nacht, in der überall im Deutschen Reich Menschen geschlagen, getreten, beraubt, mit Stöcken traktiert und mit Messern erstochen wurden, nur weil sie jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens waren. Die Nacht, in der Synagogen brannten, Bücher angezündet, jüdische Geschäfte geplündert wurden. Die Nacht, die den „Startschuss“ gab für die Verschärfung der Politik der Nazis gegenüber allen, die nicht in ihr "arisches" Weltbild passten. Ein Freibrief sozusagen von „ganz oben“, eine Aufforderung zur Verfolgung, Demütigung, Diskriminierung, zu unendlichem Leid – und Tod. Die Folgen sind uns bekannt. 

Mehr als 70 Jahre nach der Reichspogromnacht gedenken wir einmal mehr der Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Wir erinnern uns an ihr Leid, wir mahnen, reflektieren, blicken zurück und schauen nach vorn. Jährliche Routine? Keineswegs! Wir müssen achtgeben, dass sich das Gedenken an die Opfer von Diskriminierung, Rassismus und tödlicher Verfolgung nicht einfach einreiht in einen immer wiederkehrenden Kanon politischer Reden, Mahnungen, Äußerungen von Betroffenheit und Fassungslosigkeit darüber, was in der jüngeren deutschen Geschichte passieren konnte. Aber, meine sehr verehrten Damen und Herren, das genügt nicht. 

Wir müssen versuchen zu erreichen, dass junge Menschen nicht einfach abwinken bei diesem Thema, sondern hinhören. Wir müssen den Dialog und die Diskussion suchen. Wir müssen gerade Jugendlichen die Möglichkeit bieten, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen um – mittels dieser Reflexion - ihrem Leben eine humane Orientierung zu geben. Wir müssen sie sensibilisieren, ihr Gespür schärfen für unterschwelligen Rassismus, für Ausgrenzung, für Pauschalierung, für die Gefahren der Macht und die Verantwortung der Gesellschaft gegenüber Minderheiten. 

Unsere Aufgabe soll es nicht sein, die Schuld vergangener Generationen auf die Schultern unserer Kinder zu laden. Unsere Aufgabe muss es sein, ihnen zu erklären, dass Rassismus und Diskriminierung nicht aufgrund äußerer Umstände entstehen, sondern von innen heraus, aus Neid, aus Angst, aus Unkenntnis und Ignoranz.  

Erinnern bedeutet in diesem Kontext insbesondere das Eintreten für eine offene Gesellschaft, für eine Toleranz, die aus dem Herzen kommt und nicht nur in den Köpfen besteht. Aus den Herzen aller, unabhängig von ihrer kulturellen oder nationalen Identität. 

Einen erheblichen Beitrag hierzu leisten seit vielen Jahren die Gedenkstätten in Baden-Württemberg. Sie lassen sich leiten von den Grundsätzen, an das Leiden der Opfer von Verfolgung zu erinnern, eine Verständigung und Versöhnung mit den Völkern herbeizuführen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben - gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus einzutreten und das Gespräch zwischen Zeitzeugen und Nachlebenden zu fördern um damit eine neue Dialogfähigkeit zu erlangen. 

Auch heute stehen die mehr als 60 Gedenkstätten im Land vor großen Aufgaben. Es geht darum, die wissenschaftlichen Grundlagen zu sichern, zeitgemäße gedenkstättenpädagogische Angebote zu machen und am Bildungs- und Kulturangebot des Landes mitzuwirken. Diese wertvolle Aufgabe wird zum größten Teil ehrenamtlich geleistet und stellt einen bedeutenden Beitrag zur demokratischen Bildung und zur Pflege der Erinnerungskultur dar. Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich bei all jenen bedanken, die hier mit hohem Einsatz und mit viel Engagement hervorragende Arbeit leisten. 

Unsere Gedenk- und Erinnerungsstätten belegen, wie umfassend die Verfolgung durch die Nazis, wie allgegenwärtig der NS-Terror in Württemberg, Baden und Hohenzollern war. Mehr als 40 Prozent der Besucherinnen und Besucher der Stätten sind übrigens Jugendliche, oftmals angeführt durch ihre engagierten Lehrerinnen und Lehrer. Sie spüren nach, zu welchen Handlungen Menschen unter totalitärem Einfluss fähig sind. 

An dieser Stelle freue ich mich, dass die Fraktionen durch ihren gemeinsamen Antrag erreicht haben, dass der jährliche Zuschuss für die Gedenkstätten in erheblichem Umfang, nämlich um 100.000 € erhöht wird. 

Die Tatsache, dass man die Landesregierung hierzu nicht lange bitten musste, ist ein deutliches Signal dafür, welch hohen Stellenwert die grün-rote Regierung der Gedenkstättenarbeit einräumt - ein Signal für eine Kultur des Erinnerns, für eine Kultur gegen das Vergessen, für eine Kultur der Offenheit, der Toleranz und der Humanität. Eine Kultur, die von uns vorgelebt und von unseren Kindern weitergetragen werden muss. Erinnern und Besinnen, immer wieder aufs Neue – und nicht nur an diesem historischen Tag, dem 9. November. 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit." 

Landtagswahlprogramm
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