alt text

„Die Rolle von Kunst und Kultur für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“

Aktuelle Debatte im Landtag von Baden-Württemberg am 11.04.2018

Frau Präsidentin,
meine liebe Kolleginnen und Kollegen!

11. April 1968 fielen drei Schüsse auf den linken Studentensprecher Rudi Dutschke. Daraufhin gab es Anschuldigungen gegen den Springer-Verlag, der damals von „der Polizei die Drecksarbeit abnehmen“ gesprochen hatte, und es gab eine riesige Protestwelle im Anschluss.

1968 war ich gerade einmal zehn Jahre alt. Meine Mutter hörte die Beatles im Radio, die deutschsprachige Version von „She loves you“. Was drum herum so los war, bekam ich damals nicht wirklich mit.

In diesem Jahr werden die Achtundsechziger 50 Jahre alt. Die damalige Zeit war geprägt von einem kulturellen Aufbegehren. Das wird gerade in der Sonderausstellung über die Sechzigerjahre im Haus der Geschichte gut sichtbar. Nicht nur in Paris, Amsterdam und London, sondern auch und auch in Tübingen und in Heidelberg, in Schwäbisch Hall und in Schorndorf wurde neu verhandelt, was eigentlich Kultur ist und will. Der Blues schwappte aus den Vereinigten Staaten über den Großen Teich zu uns ins Ländle. Ohne Eintritt und unter freiem Himmel wurde allerorten Woodstock – Festivals nachgeahmt. Eine neue - Folk - Musik entwickelte sich.

Die Jahre danach waren bestimmt von Demonstrationen, gegen Aufrüstung, gegen Fahrpreiserhöhungen, gegen Atomkraft. Auf der Straße wurden nicht nur Parolen gerufen. Es wurde auch gesungen: „Haltet fest zusammen.“ Musik verbindet.

Einen Bruch gab es mit den althergebrachten kulturellen Formaten. Es entstand auch dort, im Kulturbereich, eine Protestbewegung. Die mündete nicht nur in die kreative Erfindung neuer Formate, sondern vor allem auch in die Schaffung neuer kultureller Orte in alten Räumen. In den Achtzigerjahren entstanden Kulturinitiativen, kommunale Kinos und soziokulturelle Zentren. Gerade in der Provinz waren und sind es heute noch diese Orte oft beides: Ort der kulturellen Teilhabe und Ort der politischen Diskussion. Kunst wurde damit sozial und politisch. Vielleicht ließe sich auch sagen: Die integrative, den Zusammenhalt fördernde Funktion von Kunst und Kultur fand und findet sich in den soziokulturellen Initiativen wieder.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt durch Kultur: Das gab es auch vorher schon, vielleicht nicht gerade in den strikt nach Ständen getrennten Rängen der Königlich-Württembergischen Oper, aber doch in Musik- und Gesangvereinen, auf dem Tanzboden im Wirtshaus oder bei dem mit Blasmusik umrahmten Volksfest. –„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder.“

Und heute? Alles gut? Grau gewordene Achtundsechziger und modisch gekleidete junge Hipster treffen da und dort aufeinander. Das bildungsbürgerliche Publikum ist offen für Kleinkunst und Kabarett im soziokulturellen Zentrum, es liest begeistert Literatur, lässt sich durch Inszenierungen auf den Theater- und Opernbühnen des Landes je nach Gusto provozieren oder amüsieren und weiß sich im Museum selbstverständlich „kunstgerecht“ zu benehmen.

Aber machen wir uns nichts vor - wenn das alles wäre, was Kunst und Kultur zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen haben, dann wären wir arm dran in Baden-Württemberg.

Stärker als noch vor einigen Jahren merken wir, vor welch großen Herausforderungen wir als Gesellschaft stehen. Das fängt bei der ökologischen Krise in einer globalisierten Welt an; Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind hier die Antworten. Aber es gibt heute eben auch eine Krise des Sozialen. Die Fliehkräfte sind stärker geworden. Die Lebenswirklichkeiten der Menschen entwickeln sich auseinander. Herkunft spielt wieder eine größere Rolle, etwa wenn es um den Bildungsaufstieg geht. Die Bewohnerinnen und Bewohner der solcherart individualisierten Lebenswelten schotten sich zunehmend voneinander ab. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir uns mit zunehmender Geschwindigkeit wieder der Ständegesellschaft des 18. Jahrhunderts nähern.

Zunehmend beobachte ich auch so etwas wie eine digitale Verschmutzung unserer sozialen Umwelt. Das mag die eine, das mag der andere nicht gerne hören. Aber es ist doch so: Digitale Medien tragen eher dazu bei, die Gesellschaft auseinander zu treiben, als sie zusammenzuhalten. Damit müssen wir umgehen lernen.

Auch das möchte ich sagen: Das World Wide Web wirkt als Verstärker für Verschwörer und rechte Populisten. Damit ist unsere Welt lauter und rauer geworden, was ich sehr bedaure.

Welche Antworten aber haben wir auf die soziale Krise und die zunehmende Entfremdung der Menschen? Eine wichtige Antwort liegt für mich in der Rolle, die Kunst und Kultur für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielen könnten. Es geht mir nicht darum, Kunst und Kultur eine bestimmte Form, eine bestimmten Funktion aufzudrücken. Die Kunst ist und bleibt frei. Es geht darum, Türen zu öffnen, Brücken zu bauen.

Lassen sie mich drei solche Brücken nennen. Zuerst kommt für mich die kulturelle Bildung. Welchen anderen Ort als die Schule haben wir, um jedes Kind erreichen zu können? Kulturelle und ästhetische Bildung kommt nicht von alleine. Musik wird anders wahrgenommen, wenn man selbst ein Instrument spielt. Bilder und Böcher öffnen sich, wenn Anspielungen verstanden und Formen gedeutet werden können. In schulischen Theaterprojekten wird der Rollenwechsel eingeübt: den anderen verstehen und nachfühlen, Empathie lernen.

Seit 2011 setze ich mich dafür ein, kulturelle Bildung stärker zu machen, und ich werde das auch weiterhin tun. Die Landesverbände Kulturelle Jugendbildung, der Landesverband Theater an Schulen, die Musikschulen, die Jugendkunstschulen, die Kinder- und Jugendtheater, die TanzSzene und alle anderen, die sich für kulturelle Bildung starkmachen, haben unsere Unterstützung verdient.

Ich denke zweitens an kulturelle Teilhabe, an eine Öffnung der Kulturinstitutionen für alle. Dazu kann, wie beim Württembergischen Landesmuseum mithilfe privater Förderung gerade erprobt wird, der Verzicht auf Eintrittsgelder gehören. Noch läuft dieser Versuch. Die ersten Zahlen sind sehr positiv.

Ich zitiere dazu aus den „Stuttgarter Nachrichten“ vom 04. April 2018:

„Wenn die Besucher mit dicken Jacken und Rucksäcken in die Ausstellung stürmen, dann ist das für Cornelia Ewigleben ein sehr gutes Zeichen. Selbst wenn jemand eine Skulptur anfassen will, ist das Aufsichtspersonal zwar gefordert, aber an sich erfreut die Direktorin des Landesmuseums Württemberg diese Neugier. ... Und offensichtlich hat das ... Besucher angelockt, die vorher noch nie in einem Museum waren.“

Hier zeigt sich, dass der Verzicht auf Eintritt nur einen von mehreren Bausteinen darstellt. Der Geldbeutel ist sicherlich eine große Hürde, wenn es darum geht, Kultureinrichtungen für alle Menschen zu öffnen. Gleichzeitig stellt sich jedoch die Frage, wer überhaupt auf die Idee kommt, ins Museum zu gehen, sich eine Oper oder Ballettaufführung anzusehen, oder gar selbst künstlerisch aktiv zu werden. Was muss sich beispielsweise an Ausstellungskonzepten ändern, damit ein Museum für neue Besucherschichten attraktiv wird? Das sind große Fragen. Damit ist die dritte Brücke angesprochen, die Maßnahmen der Kulturvermittlung, die über die klassische Förderung der Kulturinstitutionen hinausgehen. Ich denke hier beispielsweise an ein Theater, das seine traditionelle Spielstätte verlässt und in einem Brennpunktstadtteil einen Container aufstellt, um im und mit dem Stadtteil zu spielen.

Ich freue mich darüber, dass das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst sich aktiv der Kulturvermittlung in die Gesellschaft hinein widmet. Denn dabei geht es genau um diese Fragen.

Mit Übernahme der Regierungsverantwortung haben wir den Innovationsfonds Kunst eingeführt. Für die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch Kunst und Kultur ist er eine wunderbare Sache. Wenn ich die Projektlisten durchblättere, bin immer wieder berührt davon, wie kreativ und ideenreich die erfolgreichen Anträge badischer und württembergischer Kultureinrichtungen - gerade in den Förderlinien „Kulturelle Bildung“

und „Interkultur“ - sind. Hier wird das große Potenzial sichtbar, das in Theatern, Museen, Kulturvereinen und vielen anderen Einrichtungen steckt. Dieses Potenzial gilt es für die Gesellschaft nutzbar zu machen.

Die Förderung aus dem Innovationsfonds bleibt jedoch auf Projekte beschränkt. Wenn Kunst und Kultur nachhaltig zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen, als Gegengift zu Hass und Gewalt wirken sollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass die sie tragenden Einrichtungen ständigen Zugang zu dem Laboratorium haben, welches es braucht, um sich selbst neu zu erfinden.

Kulturelle Bildung von Anfang an, Kultureinrichtungen, die sich öffnen und neu erfinden, neue Wege der Kulturvermittlung, das sind die Antworten, die sich öffnen und sich neu erfinden, neue Wege der Kulturvermittlung, das sind die Antworten, die wir 50 Jahre nach den Schüssen auf Rudi Dutschke kunstpolitisch auf die heutige soziale Krise geben können.

Lassen Sie uns gemeinsam die genannten Brücken beschreiten, um die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden!

Vielen Dank.

Landtagswahlprogramm
http://fluechtlinge.gruene-landtag-bw.de/
www.strassen.gruene-landtag-bw.de
www.bildung.gruene-landtag-bw.de