alt text

„Wir brauchen ein Sonderprogramm für Klimafolgenanpassung im Schwetzinger Schlossgarten“

Hitzeschäden Bäume Schlossgarten Schwetzingen

Grüne Landtagsabgeordnete Kern und Saebel informieren sich über den Baumzustand nach den Hitzesommern

Der Schwetzinger Grüne Landtagsabgeordnete Manfred Kern und seine Ettlinger Landtagskollegin Barbara Saebel informierten sich diese Woche über den Baumzustand nach den Hitzesommern im Schwetzinger Schlossgarten. Saebel hatte in ihrer Eigenschaft als Sprecherin der Grünen Landtagsfraktion für Kulturliegenschaften im Frühsommer über eine kleine Anfrage an die Landesregierung erfahren, dass insbesondere dieser historische Garten unter dem Klimawandel zu leiden hat. Der Experte für historische Gartenanlagen der Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Prof. Hartmut Troll, erklärt unter dem Torbogen des Schlosses zunächst: „Hier im Rheintal spüren wir den Peak des Klimawandels in Baden-Württemberg, hier werden sich die Folgen als erstes und am ausgeprägtesten zeigen. Das ist für einen der kulturhistorisch wertvollsten Gärten Europas eine verheerende Nachricht.“ Troll, ausgewiesener Experte für den Schöpfer der landschaftlichen Partien des Schwetzinger Schlossgartens, Friedrich Ludwig von Sckell, bereitet die Besucher mittels Baumkartierungen und Schadensklassen auf den Spaziergang vor: „Die wahren Folgen des Hitzesommers 2018 sehen wir erst 2020, der Zustand der Buchen, Eichen und Ulmen ist aber jetzt schon besorgniserregend, mit bis zu 50 Prozent Schädigung.“ Das ganze Ausmaß zeigt sich der Besuchergruppe hinter dem spätbarocken Lustgarten, am deutlichsten in dem im Stil des englischen Landschaftsgartens konzipierten Teil, an den Einzelbäumen. Braune Blätter oder schon kahle Äste direkt neben leuchtend grünen Bäumen machen den Unterschied zwischen geschädigten und nicht so hitzeanfälligen Baumarten deutlich sichtbar.

 

Forschung zum Klimawandel in historischen Gärten

Die Lage des Schwetzinger Schlossgartens leidet unter zwei Grundvoraussetzungen: zum einen steht er auf sandigen Ausläufern der Mannheimer Düne, zum anderen ist der Grundwasserspiegel durch die im 19. Jahrhundert durchgeführte Rheinbegradigung Tullas um mehrere Meter abgesunken. Damit ist die Wasserversorgung im Schlossgarten nur auf Niederschlag ausgelegt – es gibt keine Puffer für Dürrezeiten. Aktuell ist der Schwetzinger Schlossgarten Partner in dem von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beantragten Forschungsvorhaben zum Thema "Historische Gärten - Archive der Kultur- und Landschaftsgeschichte". Mit dem Projekt soll ein Datenarchiv geschaffen werden, um eine bessere Entscheidungsgrundlage für präventive Maßnahmen und Instrumente für die Anpassung des kulturellen Gartenerbes an den Wandel von Klima und Landnutzung zu schaffen. Zudem ist der Schwetzinger Schlossgarten neben dem Potsdamer Schlosspark Sanssouci und dem Weimarer Schlosspark Belvedere, die ebenfalls beide stark unter dem Klimawandel leiden, an einem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Forschungsprojekt der Technischen Universität Berlin beteiligt, bei dem es um die Entwicklung eines Frühwarnsystems für klimasensitive Gehölze in historischen Parks geht. Ziel ist, Probleme rechtzeitig sichtbar zu machen, um dann gezielt reagieren zu können und so dauerhafte Schädigungen zu vermeiden.

 

Naturverjüngung, Provenienz und Vorsorge

Schon jetzt ist klar: Die Dynamik im Garten zeigt sich drastischer, als man mit den üblichen Maßnahmen des Waldumbaus über eine Generation hinweg abfangen kann. Zumal gerade die Einzelbäume wegen ihrer Denkmaleigenschaft nicht einfach durch robustere Arten ersetzt werden können. Saebel hakt bei Troll daher immer wieder nach, wie tief die Wurzeln der einzelnen Baumarten reichen, welche Arten sich als Ersatz eignen. Für die Buche gibt es aber keinen trockenheitsresistenteren Ersatz innerhalb der Art. Bereits jetzt arbeitet man im Schlossgarten mit drei Lösungsansätzen: erstens der Naturverjüngung, die hiesiges Pflanzenmaterial in einer eigenen Baumschule aufzieht. Zweitens mit Pflanzen derselben Art, aber einer anderen Herkunft, die unter trockeneren Bedingungen wächst. Und drittens mit kleinen Maßnahmen wie Wässern, Düngen und Freistellen von Konkurrenz (Büschen und kleinen Bäumen), wenn der Baum noch zu retten ist.

 

1 Million Euro Sonderprogramm für zehn Jahre

Um den landschaftlichen Teil des Schwetzinger Schlossgartens zu retten, braucht es laut Prof. Troll ein Sonderprogramm, um aus den Erkenntnissen der Forschungen mit eigener Gartenpflege Lösungen zu erarbeiten. Ein eigener Baumkundler könnte wie ein Förster im Wald einzelne Bäume kulturhistorisch als wichtig klassifizieren und die Baumgesellschaft drumherum so gestalten, dass Verschattung, Verdunstung, Schädlingsresistenz und Wasserverbrauch dem Leitbaum helfen, sich zu entwickeln. „In diesem Teil kämpft der Garten ums Überleben“, so Troll. Es gehe hier um Sckells Erbe, das sich wandelnde Gartenkunstwerk brauche nach 200 Jahren schnelle Hilfe, wenn die Menschen durch den Klimawandel seine Lebensgrundlagen zerstören. Kern und Saebel - beide im Finanzausschuss - sagten zu, sich für eine solche Klimanothilfe in den bis Ende des Jahres laufenden Haushaltsverhandlungen einsetzen zu wollen. "Man hört aus Stuttgart einiges über Notfallpläne für den Forst. Da müsste eine solche Investition von einer Million Euro in zehn Jahren in den wertvollsten Garten Baden-Württembergs möglich sein", so die beiden Abgeordneten unisono.