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„Musikland Baden-Württemberg in Gefahr – Singen und Blasmusik dürfen an unseren Schulen nicht verstummen!“

Manfred Kerns Rede in der aktuellen Debatte im Landtag von Baden-Württemberg am 22.07.2020

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

„Singen und Blasmusik dürfen an unseren Schulen nicht verstummen!“ – ja, das stimmt. Und ich freue mich, dass hierüber Konsens zwischen allen Beteiligten besteht.

 

Ich bin selbst begeisterter Musiker, singe und spiele Jazz und singe auch in einem Chor. Was begeistert mich so am Singen? Singen verbindet. Egal, woher man kommt, egal, welche Erfahrungen man gemacht hat: Wenn man gemeinsam singt, schafft das Nähe und baut Brücken. Zueinander, zu anderen Kulturen, zu seinem eigenen Inneren.

 

Musikalische Bildung ist essenziell für die menschliche Entwicklung. Sie ist Nährboden für Selbstbewusstsein, für soziale Empfindsamkeit und Aufmerksamkeit. Künstlerisches Schaffen, gleich auf welchem Niveau, regt die Fantasie an und wirkt auf vielen Ebenen positiv –insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Musikalische Erlebnisse wie Chor- und Orchesteraufführungen, Musicals und vieles mehr bereichern den Schulalltag, können mitreißen und anspornen. Das gilt für die, die auf der Bühne stehen, genauso wie für die Zuhörenden. Gerade in Zeiten, die geprägt waren durch monatelanges Abstandhalten und das Vermeiden menschlicher Kontakte, kann Kultur und insbesondere die Musik den Menschen so viel geben. Die Nähe, die Musik schafft, versetzt uns in die Lage, den Mangel des physischen Abstands zu überwinden.

 

Besonders an unseren Schulen hilft das gemeinsame Musizieren beim Sozialisierungsprozess und fördert die Schulgemeinschaft. Singen schafft ein psychisches Wohlbefinden und ist zudem gesundheitsförderlich. Eine Studie der Universität Hamburg beweist beispielsweise, dass beim gemeinsamen Chorsingen das „Kuschelhormon“ Oxytocin ausgeschüttet wird, das gegenseitiges Vertrauen fördert, Angst und Stress abbaut und Bindungen stärkt. Kurz gesagt: Es täte uns allen gut, mehr zu singen. Musik tut gut! Anstatt das Singen und die Blasmusik also gänzlich zu verbieten, sollten wir – im Gegenteil – nach Wegen suchen, die musikalische Praxis an Schulen unter Pandemiebedingungen zu ermöglichen. 

 

Es gibt bereits zahlreiche Studien zu diesem Thema, auf die sich beispielsweise auch das Kunstministerium bei seinen Empfehlungen für den Probebetrieb von Chören und Blasmusikvereinen stützt. Die wichtigsten Erkenntnisse der Studien möchte ich gerne mit Ihnen teilen:

 

Uns ist allen bekannt, dass das Infektionsrisiko an der frischen Luft – und auch in gut belüfteten Räumen – deutlich geringer ist als in geschlossenen Räumen. Daher wäre es bei gutem Wetter – und damit meine ich eigentlich, bei jedem Wetter außer bei Regen – möglich und oft auch sinnvoll, an der frischen Luft zu musizieren. 

 

Das führt mich zu meinem nächsten Punkt: Allein durch regelmäßiges und gründliches Lüften kann das Risiko auch beim Musizieren in geschlossenen Räumen wesentlich reduziert werden. In einer gemeinsamen Studie des Bayerischen Rundfunks mit dem Universitätsklinikum Erlangen und dem Universitätsklinikum München wird eine Stoßlüftung nach ca. 10 Minuten Probe empfohlen. Wir sollten es den Musikpädagoginnen und -pädagogen an unseren Schulen zutrauen, diese Lüftungsintervalle wie auch die anderen Hygienebedingungen einzuhalten.

Ein weiterer Punkt sind die Abstandsregelungen: Hier gibt es unterschiedliche Studien. Zu einem Mindestabstand von zwei Metern rät beispielsweise das Freiburger Institut für Musikermedizin an der Hochschule für Musik in Freiburg, das sowohl die Luftbewegung bei Sängerinnen und Sängern als auch bei den verschiedenen Blasinstrumenten gemessen hat. Bieten die Klassenzimmer oder Musiksäle der Schulen nicht die hierfür erforderliche Größe, kann man möglicherweise in die Schulaula oder in die Sporthalle ausweichen. Allen Studien ist gemeinsam, dass sie zeigen, wie unter Beachtung verschiedener Parameter das gemeinsame Singen und das Spielen von Blasmusikinstrumenten auch in Zeiten des Coronavirus möglich sind.

Ich gehe davon aus, dass das Ministerium sich für die Zeit nach den Ferien in den Schulen an die Praxis, die bereits jetzt bei den Musikschulen gilt, anlehnen wird, so wie es auch unsere bildungspolitische Sprecherin in einem Schreiben an die Ministerin gefordert hat. Beispielsweise sind dort Gruppen mit bis zu zwanzig Personen erlaubt, auch hier gilt der Mindestabstand von zwei Metern beim Unterricht im Gesang und in Blasinstrumenten. In der entsprechenden Corona-Verordnung von Kultus- und Sozialministerium wird die Installation einer durchsichtigen Schutzwand zwischen jeder Schülerin beziehungsweise jedem Schüler und der Lehrkraft empfohlen. 

 

Nicht nachvollziehbar erschiene mir auch, warum verschiedene Jahrgangsstufen nicht gemeinsam miteinander musizieren sollten. Mit diesem Verbot würde Schulchören, Schulorchestern, Big Bands und anderen Ensembles die Grundlage entzogen. Ebenso würde auch das gemeinsame Theaterspielen, beispielsweise in einer Theater- oder Musical-AG, unmöglich gemacht. 

 

Welchen Sinn hätte es, wenn Kinder, die in einem Freizeitchor unter den genannten Hygienemaßnahmen gemeinsam singen, dies im Schulchor nicht dürften? Wenn sie auf dem Weg zur Schule im gleichen Bus fahren, wenn sie sich in den Ferien in den Lernbrücken begegnet sind oder auch zuhause im privaten Raum in Kontakt zueinanderkommen, warum dann nicht auch in der Schule? 

 

Hieran sieht man, wie wichtig es ist, dass Anweisungen und Verordnungen konsistent und nachvollziehbar sind. Fehlt diese Qualität, ist es natürlich schwer bis nahezu unmöglich, die Einhaltung von Restriktionen einzufordern.

 

Unter dem Gesangs- und Musizierverbot in den Schulen hatten vor allem diejenigen Kinder und Jugendlichen zu leiden, die aus Haushalten kommen, in denen Musizieren nicht zum Alltag gehört. Für sie ist ein ganz wichtiger Ausgleich einfach weggefallen.

 

Mit dem Verzicht auf nahezu jegliche praktische musikalische Tätigkeit im Rahmen der Schule wären auch die Ergebnisse jahrelanger hervorragender Arbeit von Musikpädagoginnen und Musikpädagogen gefährdet: Einen Chor oder ein Orchester kann man nicht einfach so wieder aus dem Boden stampfen, wenn er einmal weg ist! Dazu reicht ein Schuljahr nicht. Da steckt viel Arbeit drin, glauben Sie mir! 

 

Ich freue mich umso mehr, dass nun, nachdem der Posaunenschall aus den Verbänden im ganzen Land das Kultusministerium erreicht hat, man dort den Mut aufbringt, die getroffene Entscheidung zu revidieren und die Musik-AGs, das Singen in der Schule und das Spielen von Blasinstrumenten ab dem kommenden Schuljahr unter den erforderlichen Hygienebedingungen zuzulassen. Frau Ministerin, Sie haben einmal gesagt (ich zitiere): „Schule ist mehr als Wissensvermittlung, sie gibt Struktur und ist auch elementar für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen und für ein soziales Miteinander.“ Dieser Feststellung schließe ich mich vollumfänglich an und ergänze: Gerade die kulturelle Bildung spielt hierbei eine wesentliche Rolle.

 

Nicht umsonst hatte das Land 2010 einen Fachbeirat ins Leben gerufen, der sich mit dem Angebot und den Erfordernissen der kulturellen Bildung befasst hat. In den Empfehlungen des Fachbeirats, den die beiden betroffenen Ministerien feierlich entgegengenommen haben, hat neben der musikalischen und künstlerischen Bildung in der Schule auch die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Kulturinstitutionen einen hohen Stellenwert.

Hierzu gehört, dass Schulklassen Theateraufführungen und Konzerte besuchen. Doch auch das ist ihnen derzeit verboten, obgleich die Institutionen sich mühevoll mit den Hygieneanforderungen auseinandergesetzt haben und diese mit ihren Hygieneplänen akribisch erfüllen. Dafür steht das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst gerade. Es bleibt mithin die Frage im Raum, warum dieses Verbot von Seiten des Kultusministeriums weiterhin aufrechterhalten wird.

 

Und wenn ich mir noch etwas wünschen dürfte, dann das, dass endlich auch wieder in den beruflichen Schulen Musik- und Kunstunterricht stattfinden – denn jedem jungen Menschen soll kulturelle Bildung zugute kommen!

 

Das Kompetenzzentrum Kulturelle Bildung, das wir in den Koalitionsverhandlungen gemeinsam auf den Weg gebracht haben, wird in Kürze seine Arbeit aufnehmen. Eine zentrale Erkenntnis wird dabei vermutlich sein, dass es das konstruktive Mitwirken aller Beteiligten braucht, ohne Scheuklappen, ohne Neid und ohne Arroganz, um das Beste zu erzielen, was wir unseren Kindern bieten können: Eine wirklich gute kulturelle Bildung, die das aktive musikalische und künstlerische Tun ebenso umfasst wie das Verstehen lernen von Kunst, über die gesamte Schullaufbahn hinweg und auch darüber hinaus!

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. 

 

Sehen Sie sich hier ab 1:28 die gesamte Rede an.