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„Die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte ist überfällig – und liegt in unserer Verantwortung“

Aktuelle Debatte im Landtag von Baden-Württemberg am 20.03.2019

Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen,

eine handgeschnitzte Maske, ein Schädelknochen, hundert Jahre alte Kleidungsstücke – Gegenstände, die uns etwas über Afrika erzählen könnten, würden sie nicht, namenlos und aus jeglichem kulturellen Kontext herausgerissen, in unseren Museen gefangen gehalten.

Namibia, Tanzania, Ruanda, Burundi, Kamerun, Kongo, Tschad, Togo, Ghana, Zentralafrikanische Republik.
Das sind die Namen der Staaten, die im Afrika jenseits der Sahara ganz oder teilweise unter deutscher Kolonialherrschaft standen. Ziel und Zweck dieser Politik war die wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonien sowie die Festigung des imperialistischen Machtgefüges. Ihr Ende fand die deutsche Kolonialpolitik unfreiwillig mit dem Versailler Vertrag von 1918.

Noch heute, über 100 Jahre später, leiden die betroffenen Staaten unter den gravierenden wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Folgen der Kolonialzeit.

Die vorübergehende Herrschaft der Deutschen und anderer Kolonialmächte bedeutete für die Bevölkerung der betroffenen Gebiete Rechtlosigkeit, Ausbeutung und Gewalt. Es gab willkürliche Grenzziehungen, die Kolonialherren teilten sich die Gebiete nach ihrem Gusto untereinander auf. Kolonialherrschaft bedeutete rücksichtslose Herabsetzung anderer Kulturen und damit verbunden unrechtmäßige Aneignung fremder Kulturgüter.

Das unfassbare Leid, das der von Deutschland ausgehende Kolonialismus über diese Menschen und ihre Nachfahren gebracht hat, lässt sich nicht wieder gut machen. Gleichwohl stellen wir uns heute – als Erben der Verantwortlichen von damals – der Verantwortung.

Was können wir aus dieser Verantwortung heraus tun?

So vielschichtig und tiefgreifend die Schäden sind, die durch den Kolonialismus hervorgerufen wurden, so vielschichtig und tiefgreifend muss auch unsere Antwort sein.

Ganz grundlegend muss sich die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches bei den Betroffenen für die begangenen Verbrechen und das koloniale Unrecht entschuldigen. Erst 2016 wurde der Völkermord an den Herero und Nama im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika von der Bundesregierung auch erstmals als solcher benannt. Das war ein wichtiger Schritt in einem Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist.

Als kulturpolitischer Sprecher meiner Fraktion möchte ich mich heute ganz besonders dem Thema Restitution, das heißt der Rückgabe unrechtmäßig erworbener Kulturgüter, widmen.

Auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg wie auch im übrigen Deutschen Reich stieg die Zahl der Exponate in den Museen, Archiven, Hochschulen und privaten Sammlungen während der Kolonialzeit sprunghaft an. Unzählbare archäologische Fundstücke, Kunstgegenstände, rituelle und kulturelle Gegenstände sowie menschliche Gebeine wurden als Ausstellungsgegenstände unter Androhung oder Ausübung von Gewalt aus den kolonisierten Gebieten nach Europa gebracht und öffentlichen und privaten Sammlungen einverleibt.

Der Kolonialismus hat so nicht nur Hunderttausende von Menschenleben gekostet und die betroffenen Gebiete und die dort beheimateten Menschen wirtschaftlich ausgebeutet, sie wurden auch ihrer kulturellen Geschichte und damit ihrer kulturellen Identität beraubt. Restitution heißt damit auch, den Betroffenen einen Teil ihrer Identität zurückzugeben.

Ein gutes Beispiel ist die kürzlich durchgeführte Namibia-Reise von Ministerin Theresia Bauer, bei der Bibel und Peitsche des Nama-Anführers Hendrik Witbooi zurückgegeben wurden. Die eher bescheidenen Gegenstände haben für die Nachfahren Witboois und für das Volk der Nama unschätzbaren Wert. Ein gutes Beispiel dafür, wie Restitution geschehen sollte, ist diese Reise aus zweierlei Gründen:

Erstens erfolgte die Begegnung auf Augenhöhe. Das ist entscheidend. Ein Auftreten in paternalistischer Kolonialherrenmanier verbietet sich, will man nicht die alte, überkommene Ungleichheit fortschreiben. Solche Haltungen findet man in der Diskussion noch viel zu häufig und leider auch von Seiten, bei denen man ein derart reaktionäres Gebaren nicht vermutet hätte.

Zweitens zeigt unsere Landesregierung mit dieser Aktion, wie die Kulturhoheit der Länder in verantwortungsvoller Weise praktiziert wird:

Wenn wir aus Baden-Württemberg uns im Bund, in Europa und weltweit erfolgreich für die Stärkung der Regionen einsetzen, dann packen wir selbstverständlich auch ein schwieriges Thema wie die Restitution eigenverantwortlich an. Das Land hat hier – und darauf dürfen wir stolz sein – eine Vorreiterrolle eingenommen.

Es ist ein großer Erfolg, den Theresia Bauer letzte Woche auf der Kulturministerkonferenz mit dem Eckpunktepapier zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten erzielt hat. Für uns aber können die Bemühungen auf Bundesebene nur eine Ergänzung für die Arbeit sein, die wir hier auf Landesebene zu leisten haben.

Dabei kam es für uns übrigens zu keinem Zeitpunkt infrage, uns – so wie einige Kolleginnen es vorgeschlagen hatten – auf juristische Besitzpositionen zurückzuziehen und den Kampf für Gerechtigkeit anderen zu überlassen.

Die Übernahme der Verantwortung für die deutsche Kolonialgeschichte und ihre Folgen erfordert, dass wir die Herkunft der in Baden-Württemberg befindlichen Kulturgüter weitestgehend aufklären und den weiteren Verbleib der Gegenstände im Einvernehmen mit den Herkunftsländern und den betroffenen Bevölkerungsgruppen regeln.

Deshalb steht für uns an erster Stelle die Erforschung der Provenienz, der Herkunft der Gegenstände. Das Land geht hier mit seinen Hochschulen und Museen voran, aber auch die kommunalen und die privaten Museen und Sammlungen werden bei dieser wichtigen Aufgabe unterstützt. Mittelfristig wünschen wir uns eine zentrale Fachstelle im Land als Ansprechpartner für alle betroffenen Einrichtungen.

Eines der wesentlichen Anliegen der wissenschaftlichen und politischen Vertreter der Herkunftsregionen der kolonialen Raubkunst ist Transparenz: Welche Kulturgüter befinden sich wo? Wo kommen sie her? Was ist ihre Geschichte?

Wir setzen hier auf einen fairen Interessenausgleich mit den Herkunftsgesellschaften. Dieser kann – im Einvernehmen mit den Berechtigten – anstatt in der Rückführung beispielsweise im Rückkauf durch unsere Museen oder in einer Leihgabe im Anschluss an die Restitution bestehen, insbesondere dort wo eine Rückgabe ohne Gefährdung der Kulturgüter nicht möglich erscheint. Im Idealfall entwickeln sich aus den Restitutionsprozessen langfristige Kooperationen mit Museen und Institutionen in den Herkunftsländern. Dazu gehören zum Beispiel Stipendienprogramme für Kuratoren, die Finanzierung gemeinsamer Projekte für die Forschung oder der Auf- und Ausbau kultureller Infrastruktur.

Das Lindenmuseum in Stuttgart, aus dessen Beständen die Witbooi-Bibel und Peitsche stammen, unternimmt gerade mit der Ausstellung „Wo ist Afrika?“ den Versuch, sich mit der eigenen Sammlung unter Einbeziehung der Besucher*innen kritisch auseinanderzusetzen. Dabei zeigt sich die Notwendigkeit eines vertieften museumspädagogischen Ansatzes: Die Gegenstände müssen in ihrem Kontext gezeigt werden und eine Geschichte erzählen. Andernfalls sind sie nichts weiter als totes Material: Ein altes afrikanisches Musikinstrument anzuschauen kann nicht befriedigen – seinen Klang zu hören schon.

Zum Schluss möchte ich mich der Forderung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron anschließen, die er 2017 im Anschluss an seinen Besuch in Ouagadougou in Burkina Faso, ehemals Französisch Westafrika, formuliert hat:

Das afrikanische Erbe darf nicht Gefangener europäischer Museen sein.“

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, die derzeit noch in unseren Museen und Archiven gefangen gehaltenen Artefakte zu befreien und ihnen ihre kulturelle Bedeutung zurückzugeben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.